Ein melancholischer Neujahrsanfang

Nichts bringt dein Leben mehr durcheinander, als die Geburt deines Kindes.

Wechselst du deinen Wohnort, musst du dich an eine neue Nachbarschaft gewöhnen, der Weg zur Arbeitsstelle ist vielleicht weiter, aber du behälst deinen Job und kennst deine Kollegen. Wenn dich deine Arbeit mal nervt, gehst du abends nach Hause, legst die Beine hoch und schaust deine Lieblingsserie oder du verabredest dich mit deinen Freunden, planst den nächsten Urlaub nach JWD oder gönnst dir ein schönes, heißes Bad. Dein Leben verläuft größtenteils wie vorher.

Wechselst du den Job, musst du dich in ein neues Team integrieren und dir neue Aufgabenbereiche erarbeiten. Abends gehst du dann wieder nach Hause und hast vielleicht eine ähnlich Feierabendgestaltung wie beim Wohnortswechsel und dein Leben ändert sich sonst nicht.

Eine Liste ähnlicher Beispiele lässt sich beliebig erweitern. Ist ein Lebensbereich von Veränderungen betroffen, ändert sich in der Regel in den anderen Bereichen sonst nichts. Du behälst deinen Freundeskreis, gehst weiter deinen Hobbys nach und machst sonst nur, was dir gefällt.

Ich dachte irgendwie, das bliebe auch so, wenn man ein Kind hat… Aber jede weitere Entscheidung wird nun mit Wohl des Kindes im Hinterkopf getroffen. Eine längere Autofahrt nicht angetreten, weil sie das Reisen im Babysitz nicht lange erträgt. Übernachtungen dahingehend abgewogen, ob wir Eltern in getrennten Zimmer schlafen können (mein Mann schnarcht und da ich wegen der Kleinen kein Oropax benutze, ist an gemeinsamen Schlaf nicht zu denken).

Für mich, hat sich alles geändert.

Der Job liegt eine Weile auf Eis. Dieser Zeitraum wird Elternzeit genannt und soll “zur Erziehung und Betreuung des Kindes” genutzt werden. Ich sehe meine Kollegen nicht mehr, tausche mich nicht mehr über diverse Kleinigkeiten aus und betätige mich nicht mehr in meinem Beruf. Selbst die einstündige Autofahrt fehlt mir, weil ich dann immer Hörbücher hören konnte, ohne meinen Mann damit zu langweilen.

Unser (vor allem mein) Freundeskreis ist nicht wirklich weggebrochen, aber die Möglichkeit, sich gegenseitig zu besuchen, ist vorerst nicht gegeben. Mit manchen Freunden scheint man sich momentan auch nicht mehr viel zu sagen zu haben… Und selbst wenn wir es schaffen, Freunde, Familie, Bekannte zu besuchen, hab ich kaum Gelegenheit zu sozialisieren. Während des geselligen Essens schlinge ich meine Portion runter, ohne wirklich zu schmecken, da Mausemaus langsam anfängt zu meckern und nicht einfach nur auf dem Schoss sitzen bleiben will. Abends, wenn es gemütlich wird, sitze ich am Bett unserer Tochter und wache über ihren Schlaf, während durch das offene Fenster Gesprächsfetzen und Lachen hereinwehen.

Mal in Ruhe ein Buch lesen, einen Film (zu Ende!) oder eine Folge der Lieblingsserie schauen, in Ruhe ins Kino oder Restaurant zu gehen, einem alten oder neuen Hobby fröhnen, ausgiebig Klönen… Das wär mal was.

Momentan schaue ich oft auf die Uhr, in der Hoffnung, der Tag (oder die Nacht) sei bald vorüber, dabei ist unsere Tochter ein fröhliches Kind, das selten richtig Terz macht. Trotzdem gehe ich langsam durch die Wohnung, wenn ich die Mausemaus trage, um Zeit zu schinden. Freue mich, dass sie auch mit ihren fast 9 Monaten noch zwei bis drei Mal tagsüber schläft, dann brauche ich sie weniger “betuddeln”, auch wenn dass bedeutet, dass ich in körperlicher Anwesenheit über ihren Schlaf wachen muss.

Ich lasse mich gehen. Die Grundhygiene wie Duschen, Haare waschen und kämmen, Zähne putzen wird verrichtet, aber darüber hinaus nichts. Zum Sport fehlen Gelegenheit und Elan, also hängen immer noch zuviele Restkilos der Schwangerschaft an mir herum. Was mein Selbstwertgefühl nicht steigert. Schokolade ist meine Droge.

Ich bemühe mich, Kontakte zu knüpfen, mich an meiner wunderbaren Tochter zu erfreuen, stolz auf mich und meinen Körper zu sein. Aber manchmal funktioniere ich nur noch. Oder eigentlich nicht mehr. Irgendwo in den vergangenen Monaten bin ich verloren gegangen.

Wo bin ich?

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5 thoughts on “Ein melancholischer Neujahrsanfang

  1. Danke danke für diesen Post, den ivh beim Stillen lese! Du sprichst mir aus dem Herzen, aus der Seele und aus drn immer noch vorhandenen Extraschwangerschaftskilos. Ich liebe auf der Welt Niemanden mehr als Ida, aber auch ich hab dass Gefühl seit ihrer Geburt als eigenständige Person auf der Strecke zu bleiben. Es tut gut zu hören, dass ich damit nicht alleine bin.
    Lg Eva

  2. Hallo!!!
    Ich bin selbst Mama von 3 Kindern und habe unzählige Stunden ihnen geschenkt !
    Aber glaube mir , die Zeit vergeht so schnell!!!
    Geniess die Zeit ! Sie kommt nie wieder !!!!

  3. Pingback: Seit 37 Wochen im Team Mausemaus | Mama, Frau und Mensch - Blog

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